Die Antifa, der „schlechte Geschmack“ und schwule Kultur

Eine Bad Taste Party ist eine Tanzveranstaltung, zu der mensch sich aus der Sicht seiner_ihrer Peer Group geschmacklos anzieht, auf der dann geschmacklose Musik zu hören ist, auf die mensch schließlich geschmacklos tanzt. Eine super Erfindung, endlich mal befreit von den gängigen Akzeptanz-Codes abfeiern – und mal voll drauf zu scheißen, wie man aussieht und wie peinlich man rüberkommt, Oida.
Das ganze gibt’s in München von der Antifa-Jugend München veranstaltet im Neokeller. Der perverse Autor dieses Textes war zweimal mit dabei, und beides mal hat sich ihm irgendwann ein Unbehagen eingestellt. Sich geschmacklos anziehen heißt für die Antifa: Palituch. Das ist super, was hässlicheres kann mensch sich fast nicht vorstellen. Geschmacklose Musik, das ist erst mal schlechter Techno, dann Bushido und Sido – schön, wenn Antifa-Macker-Heten vorgeben, was alle als witzige Provokation aufzufassen haben. Ich hör mir homophobe Scheiße allgemein in meiner Freizeit – zumal in angeblich emanzipierten Räumen – nicht besonders gern an. Aber gut, vielleicht ist das ja noch witzig, mag sein.
Geschmacklose Musik, das heißt aber auch: Kylie, Madonna, Britney und die Pet Shop Boys. Und hier beginnt sich das schwule Subjekt zu wundern: Techno ist Scheißmusik, Bushido und Sido schreiben Scheißtexte mit Scheißbotschaften. Und angloamerikanischer Pop ist scheißkapitalistisch? Wenn das mal keine regressive Kapitalismuskritik ist. Nun ist das aber nicht irgendwelcher Pop, das sind Stücke, die in Schwulendiskos rauf und runterlaufen, die Lieder sind Teil einer schwulen Kultur. Die ist – zugegeben – konsumorientiert, kommerziell und so weiter und so fort. Aber sie ist auch ein Ort, an den Schwule sich zurückziehen vor einem permanent auf sie einwirkenden Heterosexismus.
Na ja, denkt sich das perverse Herz, vielleicht haben die guten Antifa-Jungs (natürlich fast nur Jungs) einfach nicht so arg viel nachgedacht. Der Perverse begibt sich auf die Tanzfläche, ignoriert die um ihn herumspackenden Bad-Taste-Tänzer_innen und tanzt so, wie ihm das zu Kylie und Co so einfällt. Ein Antifa-Held macht Komplimente: „Du tanzt toll.“ Ja, Schatzi, die Schwuchteln sind schon ganz besondere Vögel, so kreativ und unkonventionell und überhaupt immer so gut aufgelegt und verstehen alle Frauen so gut. Wenn wir die nicht hätten, wäre auch die linke Szene um einige lustige bunte Flecken ärmer.

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3 Antworten auf “Die Antifa, der „schlechte Geschmack“ und schwule Kultur”


  1. 1 Kritik-Kritiker 22. Juli 2008 um 0:39 Uhr

    Ich weiß zwar nicht was dich dazu getrieben hat, diese Partys auf so üble und unnötige Weise zu kritisieren, dennoch will ich mal deinen angeführten Argumenten meine entgegenstellen:

    1: „Eine super Erfindung, endlich mal befreit von den gängigen Akzeptanz-Codes abfeiern – und mal voll drauf zu scheißen, wie man aussieht und wie peinlich man rüberkommt, Oida.“
    Was ist dein Problem wenn man sich mal „verkleidet“ und damit Spaß hat? Darf man sowas etwa in einem emanzipierten Raum etwa nicht? Ist es jetzt schon schlimm wenn man einen bestimmten Dresscode bevorzugt? Also ich weiß nicht..

    2: „Sich geschmacklos anziehen heißt für die Antifa: Palituch“
    Weiß nicht ob du es nicht geschmacklos findest mit einem Symbol rumzurennen, dass die Solidarität mit den meist antisemitischen „Widerstand“ gegen Israel symbolisiert. Ich für meinen Teil finde das dann doch ziemlich geschmacklos..

    3: „Ich hör mir homophobe Scheiße allgemein in meiner Freizeit – zumal in angeblich emanzipierten Räumen – nicht besonders gern an. Aber gut, vielleicht ist das ja noch witzig, mag sein.“
    Diese Kritik ist auf jeden Fall berechtigt, jedoch glaube ich nicht (weiß ich), dass keiner auf der Party solche Aussagen Ernst gemeint hat (genausowenig wie die zum-Style-getragenen Palis).
    Sowas kann man ändern, ich persönlich habe damit kein Problem.

    4: „Geschmacklose Musik, das heißt aber auch: Kylie, Madonna, Britney und die Pet Shop Boys. Und hier beginnt sich das schwule Subjekt zu wundern: Techno ist Scheißmusik, Bushido und Sido schreiben Scheißtexte mit Scheißbotschaften. Und angloamerikanischer Pop ist scheißkapitalistisch? Wenn das mal keine regressive Kapitalismuskritik ist.“
    Dieser Aussage bringt mich einfach zum raßen.. Wo wurde jemals auf der Party oder sonstwo bei uns gesagt oder ausgedrückt, dass Techno Scheißmusik ist, oder dass angloamerikanischer Pop „scheißkapitalistisch“ wäre? Die Unterstellung der regressiven Kapitalismuskritik fantasierst du dir ganz alleine herbei..

    5: „Nun ist das aber nicht irgendwelcher Pop, das sind Stücke, die in Schwulendiskos rauf und runterlaufen, die Lieder sind Teil einer schwulen Kultur. Die ist – zugegeben – konsumorientiert, kommerziell und so weiter und so fort. Aber sie ist auch ein Ort, an den Schwule sich zurückziehen vor einem permanent auf sie einwirkenden Heterosexismus.“
    Darf man denn nun Musik nicht mehr als „Bad-Taste“ einstufen, nur weil diese Musik in Schwulendiskos läuft? Es wurde eine rießige Bandbreite an „bad-taste“-Musik abgespielt, weshalb ich wirklich keine Ahnung habe wie du von „Bad-Taste-Musik“ auf --> da laufen einige von diesen Liedern ständig in Schwulendiskos ---> Heterosexismus.. Tut mir Leid, diese Folgerung kann ich leider nicht im geringsten nachvollziehen..

    6: „Na ja, denkt sich das perverse Herz, vielleicht haben die guten Antifa-Jungs (natürlich fast nur Jungs) einfach nicht so arg viel nachgedacht.“
    Tut mir Leid, dass wir fast nur Jungs sind, jeder würde es befürworten, wenn es mehr Mädels wärn.. Ist natürlich ein ganz fieser Punkt, der gegen uns spricht, der auf jeden Fall noch in diesen Blog reinmuss…

    7: „Ein Antifa-Held macht Komplimente: „Du tanzt toll.“ Ja, Schatzi, die Schwuchteln sind schon ganz besondere Vögel, so kreativ und unkonventionell und überhaupt immer so gut aufgelegt und verstehen alle Frauen so gut. Wenn wir die nicht hätten, wäre auch die linke Szene um einige lustige bunte Flecken ärmer.“
    Zum krönenden Abschluss gibt’s noch diesen guten Absatz. Aus einem wohl ernstgemeinten Komplimenten wird natürlich sofort auf Sexismus und Stereotype gefolgert..
    Ich weiß nicht wer sich hier in festgefahrenen Denkmuster befindet (aka: „Antifa-Macker-Heten“, „Antifa-Held“).

    Ich finde, dass die Partys in einer entspannten und emanzipierten Atmosphäre abgelaufen sind und sehe wahrlich keinen Grund, diese wie in deinem Blog beschriebenem Maße zu kritisieren. Kritik ist berechtigt, sollte jedoch schon berechtigt und nicht aus den Haaren herbeigezogen sein („regressive Kapitalismuskritik“). Natürlich gibt es auch in unserer Szene noch bestehende Sexismen, diese sollte man auch benennen, jedoch konnte ich weder auf der Bad-Taste, noch auf der Krocha-Party solchen erkennen.
    MFG

  2. 2 Hans Maulwurf 27. Juli 2008 um 1:10 Uhr

    Erstmal: Ich schreibe nicht im Namen der „gedissten“ Gruppe, bin dieser aber nahe

    Es ist interessant zu lesen, wie ohne direkte Konfrontation bzw. Diskussion hier etwas hingestellt wird, was so nicht stattgefunden hat. Im Neokeller fanden seit langem mal wieder zwei öffentliche Partys statt. Die erste eine gut besuchte und stimmungsvolle „Bad-Taste-Party“, bei der auf keinen Fall verlangt war, mit einem Pali-Tuch zu kommen. Ob sich nun einzelne Besucher dennoch so anziehen, darauf haben die Veranstalter keinen Einfluss. Auf so einer Party wird auch niemand deshalb hinausgeworfen, denn ist ein Pali-Tuch nicht „Bad-Taste“?
    Die zweite war eine „Krocha-Party“, natürlich auch eher auf Bad-Taste ausgelegt, und bei einer solchen Party gilt es sich natürlich dem „Original“-Style anzupassen. Das dieser mit Pali-Tuch daherkommt, ist natürlich zu kritisieren und allgemein das Pali-Tuch als „Modeobjekt“ zu hinterfragen. Dennoch muss auch mal der politische Konsens hintenangestellt werden, stellt die Party doch eine Spass- bzw. Abendveranstaltung und keine politische Diskussion dar.
    Wenn ein direkter persönlicher Austausch des anonymen Verfassers dieses Textes mit Mitgliedern unserer Gruppe stattgefunden hätte, so wäre ihm klar, das jeder von uns das Pali-Tuch sowohl politisch als auch als Modeobjekt ablehnt. Das sich geschmacklos anziehen für „die Antifa“ Palituch heisst, stimmt so nicht.
    Bei der ersten Party lief auf keinen Fall nur schlechter Techno. Wenn damals überhaupt Techno lief, dann nur bekannte Lieder oder gegen Ende um 5 Uhr morgens, als niemand mehr Lust hatte richtig aufzulegen.
    Die Krocha-Party war nunmal eine Krocha-Party, und die hören halt schlechten Techno, da kommt es seltsam wenn Hardcore oder Oldies laufen würden. Wenn man dann zur Party geht, kann man sich doch darauf einstellen und es einfach als Spass betrachten, mal andere Musik zu hören. Ich persönlich mag auch keinen Techno.
    Zur weiteren Musik: Es liefen unter anderem die genannten. Die Abende waren sehr lang, und da die 10 Lieder rauszufischen, die fragwürdig sind muss schon ziemlich viel Energie gekostet haben…Jede/n einzelne/n ArtistIN auf Kapitalismuskritik, politische und sexuelle Ausrichtung, usw. zu untersuchen geht bei einer Bad-Taste-Party zu weit. Dann dürfte beispielsweise auch der in der Münchner Linken beliebte „HC-Stracher-Rap“ (bei Antifa-Partys) nicht mehr gespielt werden. Das gewisse Künstler in Schwulendiscos Anklang gefunden haben, und somit bei manchen nicht als „Bad-Taste-Musik“ durchgehen, mag sein. Doch sollte es einfach mal möglich sein, über solche Differenzen hinwegzusehen.
    Weiter kann keiner der Antifa Jugend München etwas dafür, dass allgemein in der Antifa-Szene (und natürlich auch in der Gruppe) die Jungsquote überwiegt. Dass dies geändert werden sollte, spricht nichts dagegen.
    Der „Antifa-Held“ ist auch nicht der Gruppe, der Party, dem Veranstaltungort oder der Musik zuzuordnen, sondern ein freies Individuum und kann somit nicht in eine Kritik an die Party an sich aufgefasst werden.

    Den Neokeller hier als „angeblich emanzipierten Raum“ hinzustellen, ist nicht in Ordnung. Das eine gewisse Kritik an der Vergangenheit vorliegt, mag sein. Doch auch früher war er einer der wenigen Freiräume in München, wo man fernab von teuren Bars/Discos seinen Abend verbringen konnte. Auch waren damals ein Grossteil der BetreiberInnen politisch und sind es bis heute (z.B. die Bereitstellung von Pennplätzen im Neokeller für Auswärtige bei der Siko vor ein paar Jahren). Nun bekommt der Neokeller durch die Übernahme aus dem AJM-Umfeld einen klareren politischen Anspruch, was man bei den beiden Partys schon sehen konnte (natürlich ist dies noch verbesserungs- und ausbaufähig).

    Natürlich ist es schön konstruktive und, wie man an der Verlinkung sieht, positiv gemeinte Kritik zu lesen. Doch sollte zum einen das persönliche Gespräch gesucht und zum anderen ein wenig über den Tellerrand geschaut werden, um bei solchen Partys ein wenig mehr zu tolerieren.

  1. 1 Lokales « bikepunk 089 Pingback am 20. Juli 2008 um 23:58 Uhr

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